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Gelebte und nicht gelebte Zwillingsidentitäten




Das große Thema, um das es auf unserer Reise der Zwillingsveränderung geht, sind die Identitätsrollen der Zwillinge. Da wir selbst lange nicht wussten, wer wir ohne einander sind und uns nur als Zwillingseinheit sahen und auch so lebten, war eine Wahrnehmung der eigenen Identität nicht möglich. Erst als jede begann, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, erkannten wir, wie unbewusst wir nebeneinander lebten.

Was mit Identität tatsächlich gemeint ist und welche Formen es aus unserer Sicht im Zwillingsdasein gibt, beschreiben wir im Folgenden.


Identität – Das Erleben der Einheit des Selbst


Die Definition der Identität eines Menschen aus der Psychoanalyse nach Sigmund Freud ist so gesehen als einmalig und unverwechselbar gekennzeichnet zu sein, sowohl in der eigenen Anschauung als auch durch die soziale Umwelt. Identität stellt für das Individuum das Erleben der Einheit des Selbst dar.

Vor allem steht der Ich-Bezug im Vordergrund und damit ein „Gefühl für die eigene Person“, um sich auch von anderen Menschen abzugrenzen. Wenn sich Kinder zum Beispiel das erste Mal selbst wahrnehmen und auch in der Ich-Form sprechen, ist das der erste Ausdruck, nach den eigenen inneren Trieben und den Gefühlen die aus dem Selbst kommen zu handeln. Identität ist also ein Ausdruck der elementaren Bedürfnisse. Was dann mit der Zeit zur Identitätsbildung hinzukommt sind gesellschaftliche Erwartungen bzw. Normen.

Bei Zwillingen ist das noch spannender: Baby-Zwillinge verstehen erst ab etwa dem dritten Lebensjahr, dass ihr Gegenüber nicht das eigene Selbst ist. Bereits im Bauch der Mutter erspüren sie den anderen Zwilling, spüren den Körper des anderen, wie bspw. Arme, Beine oder den Mund. Nach der Geburt und während den ersten Jahren erforschen sie sich gegenseitig, lutschen am Daumen des anderen oder drücken am Fuß des anderen. Sie fühlen und spüren den anderen Zwilling und können nicht unterscheiden ob es sie selbst oder der andere ist. Dadurch entsteht nur bedingt eine Abgrenzung. Und weil es ja so niedlich ist zwei gleichaussehende Babys nebeneinander zu sehen, zieht man sie auch gleich an.


Identitätseinheit statt zwei Individuen


So war es natürlich auch bei uns. Wir haben uns gleich angezogen, haben immer dasselbe gegessen und mit denselben Spielsachen gespielt. Brüllte eine von uns, brüllte die andere mit ohne wirklich zu wissen warum oder aus welchen Gefühlen heraus. „Meinem Zwilling geht es nicht gut, dann muss es mir auch so gehen. Also weine ich mit.“ Einen Ich-Bezug gab es im Sprachgebrauch lange nicht. Alles wurde in der Wir-Form ausgesprochen. „Wir mögen das so“ oder „Wir mögen das nicht“, „Wir lesen lieber das Buch“ oder „Wir ziehen diesen Pulli an“.

Dadurch wuchsen wir quasi zu einer Identitätseinheit auf. Es gab kein Ich, immer ein Wir! Dieser rote Faden zog sich durch den Kindergarten und die Schulzeit. Wir kamen zusammen und wir gingen zusammen. Wir saßen mit wenigen Ausnahmen immer nebeneinander, waren im selben Sportverein, bekamen dieselben Geburtstagsgeschenke und teilten uns ein Zimmer bis wir 15 Jahre alt waren. Wir hörten im Zimmer die gleiche Musik und gingen zur selben Zeit schlafen, wenn eine von uns das Licht ausmachte. Dadurch konnte nur ein Wir-Gefühl entstehen denn es gab keinen Raum in welchem jede ihre eigenen Bedürfnisse und Werte erkunden konnte. Familienmitglieder und das Umfeld nahmen uns nur als Einheit war. Zwar konnte die Familie uns auseinanderhalten, letztendlich waren wir aber nicht die Individuen Jessyca und Jennyfer, sondern immer „Die Zwillinge oder die Twins“.


Die Unterdrückung des wahren Selbst bei Zwillingen


Entsprechende Glaubenssätze prägen die Identitätseinheit als Zwillinge von klein auf und schüren den stetigen Vergleich. Sätze wie: „Tja, deine Schwester oder dein Bruder hat aber eine bessere Note geschrieben als du“ oder „deine Schwester oder dein Bruder ist aber artiger als du“. Egal, was der stetige Vergleich zum Zwilling ist: Ob der Zwilling braver, anständiger, ordentlicher oder leiser ist. Es führt dazu, dass sich die Zwillinge irgendwann nur noch auf den anderen konzentrieren. Getreu dem Motto: Nur so bekomme ich die Liebe, Wertschätzung oder Anerkennung der Eltern. Nur so kann es – kann ich – doch richtig sein. Was eigentlich passiert, ist, dass beide Zwillinge ihre tatsächlichen Bedürfnisse und ihr wahres Sein (das schon vom Zeitpunkt der Geburt an und auch schon viel früher sehr unterschiedlich voneinander ist) im Kleinkindalter unterdrücken. Ihnen wird nicht die Möglichkeit gegeben, ihre wahre Natur zu leben.


Drei Zwillingsidentitäten


Doch dabei muss es in der Regel nicht bleiben. Aus unserer Sicht und auf der Metaebene gibt es drei Wege, wie sich aus dem eben Beschriebenen die Identitäten entwickeln. Zum einen gibt es die positiv entwickelte Identität, die negativ entwickelte Identität und die unterdrückte Identität.

Die positiv entwickelte Identität ist im besten Fall, wenn bei Zwillingen der innere Ruf, sich vom Zwilling abgrenzen zu wollen recht früh aufkommt, meist im frühen Schulzeitalter. Wenn bspw. ein oder beide Zwillinge äußern, nicht mehr dieselbe Schulklasse besuchen zu wollen oder der eine Zwilling nicht mehr die gleiche Haarfrisur wie der andere haben möchte. Wenn sich solche und andere Anzeichen zeigen, darf und muss zugehört werden, sodass rechtzeitig auf die individuellen Bedürfnisse eingegangen und die eigenständige Identität entwickelt werden kann. Nur so festigt sich das eigene Urvertrauen, die Richtigkeit des eigenen Selbst, was wiederum den Ablösungsprozess zum Zwilling ebnet. Als Ergebnis bringt das am Ende zwei Individuen hervor, die sowohl als Einzelperson sowie auch als Zwillinge ihr Leben eigenverantwortlich und selbständig gestalten und leben.

Im starken Kontrast dazu steht die negative Identitätsbildung: Hier kann es passieren, dass andere Emotionen aufkommen, wie Wut, Traurigkeit, Eifersucht oder Ablehnung dem Zwilling gegenüber, weil sich zum Beispiel aufgrund der ähnlichen Persönlichkeit eine so starke Konkurrenz entwickelt hat, dass die Zwillinge alles sein möchten – nur nicht so wie der Zwilling. Sie dulden sich mehr oder weniger und respektieren sich im Erwachsenenalter aber je weiter weg sie voneinander leben oder je weniger Kontakt sie miteinander haben, desto besser kommen sie miteinander aus. Sobald sie sich im selben Raum aufhalten oder Zeit miteinander verbringen entsteht Spannung, weil im frühen Alter die eigene Identität nicht gelebt werden konnte und die Zwillinge immer im Vergleich standen. Jegliches Verhalten des anderen löst Triggerpunkte beim Gegenüber aus, was schlussendlich unausweichlich zu Konflikten führt.

Es kann auch passieren, dass Zwillinge nichts mehr miteinander zu tun haben wollen, weil es sich nur wie eine Last anfühlt. Das ist besonders der Fall, wenn das Gefühl entstanden ist, dass der eine Zwilling dem anderen immer etwas wegnimmt, dem anderen nichts gönnt oder der eine Zwilling dem anderen gefühlt jede Energie raubt. Sie glauben, sie können nur dann eine eigene Identität entwickeln, wenn sie sich räumlich und mental soweit wie möglich von ihrem Zwilling trennen und keinen Kontakt haben.

Es findet zwar eine Identitätsbildung statt, aber im negativen Sinne: Sie ist immer noch davon geprägt, was der andere Zwilling macht, um dann nämlich vermeintlich aus freiem Willen exakt das Gegenteil zu tun. Und das ist aus unserer Sicht die schlimmste Form des Zwillingsdaseins denn im Unterbewusstsein existieren diese Emotionen wie Wut und Traurigkeit weiterhin. Diese werden verdrängt und unterdrückt. Und allein der Gedanke an den Zwilling führt zu einem inneren Konflikt.

Die dritte Identitätsbildung, nämlich die unterdrückte oder verzögerte Identitätsbildung ist, aus unserer Erfahrung heraus, wenn zum Beispiel bei Zwillingen die sozialen und familiären Beziehungen zu Bezugspersonen instabil sind. Wenn es beispielsweise viele Umzüge gab oder Trennungen stattfanden, kann es dazu führen, dass die einzige Konstante die Zwillingsbeziehung ist. Diese wird dadurch meist noch intensiver, denn die Zwillinge finden in sich einen verlässlichen Anker: Sie können sich immer darauf verlassen, dass sie sich nicht verlassen, sich immer Halt, Trost und Zuwendung schenken. Oder sich positiv zusprechen und Mut machen im Sinne von „Wir schaffen das!“.

Was allerdings passiert, ist, dass der Zwilling die einzige Bezugsperson wird und eine Abnabelung kaum möglich ist. Stattdessen wächst die Co-Abhängigkeit zum Zwilling und die Angst, den Zwilling durch welche Umstände auch immer verlieren zu können. Ein Symptom dafür ist beispielsweise, wenn der Zwilling stets in der Nähe oder erreichbar sein soll. Oder die Zwillinge müssen immer auf „dem gleichen Level“ sein: Ob sportliche oder berufliche Leistungen, das Aussehen oder wer wieviel Geld verdient. Sobald das schwankt, entsteht Eifersucht und Neid. Es entsteht das Gefühl, nicht mehr die verlässliche Einheit zu sein. Auch eine eigene Meinung zu bilden ist dann letztendlich abhängig vom anderen Zwilling.

Diese Situation beeinflusst auch eine Partnerschaft zu einem anderen Menschen. Diese ist oft gar nicht möglich, weil das Gefühl besteht, da passe niemand anderes dazu oder aus der Überzeugung, dass niemand die enge Bindung zwischen den Zwillingen verstehe. Das wiederum führt teilweise dazu, dass eine Partnerschaft mit einem anderen Menschen nur eingegangen wird, wenn dieser ebenfalls ein Zwilling ist, um ebendiese Ängste zu beruhigen. Die deutlichste Form ist, wenn beide Zwillinge ausschließlich mit anderen Zwillingen zusammen sein können.

Auch hier findet zwar eine Identitätsentwicklung statt, allerdings nur im unterdrückten Sinne. Das Gute ist, dass diese sich verzögert zu einer positiven entwickeln kann. Sofern der Wille besteht, die Angstthemen und limitierende Glaubenssätze die sich über die Jahre entwickelt haben anzuschauen und aufzulösen, stehen die Chancen gut.


Der Weg zur eigenen Identität bei Zwillingen


Wir kamen zum Glück nie in die Situation, einander zu hassen. Wir erkannten, dass wir uns in einer unterdrückten Identitätsentwicklung befanden und um uns aus dieser zu befreien mussten wir Themen wie bspw. Angst, Eifersucht oder Konkurrenzdenken anschauen. Die Frage „Wer bin ich und wie sieht denn meine eigene Identität eigentlich aus?“ wurde immer lauter. Die Identitätsfrage hat uns also im Laufe der Jahre mehr und mehr eingeholt, weil wir immer mehr hinterfragten, ob das, was jede von uns machte, auch wirklich die eigene Wahl oder doch nur die des Zwillings war.

Aufgrund der Glaubenssätze, die wir bis ins Erwachsenenalter mitnahmen, spaltete sich jede immer mehr von sich ab. Beide waren wir nur noch kopfgesteuert unterwegs, weit getrennt von Geist und Körper. Das Herz bzw. die Intuition, die ja die wirklichen Bedürfnisse klar aussprechen, konnten nicht mehr gehört werden. So lange waren wir in einer Art stumpfer und gleichzeitig funktionierender Zwillingseinheit, jede für sich und doch gemeinsam. Beide waren wir so unglücklich in dieser Identitätseinheit, die keine von beiden so wirklich wollte.

Auf der einen Seite gab sie uns Halt und Sicherheit und zum anderen engte sie uns ungemein ein. Gott sei Dank war der Wille nach innerer Klarheit groß, sodass wir es schafften uns hinzusetzen und Klartext miteinander zu reden. Das führte letztendlich dazu, dass jede erstmal ihren eigenen Weg ging. Obgleich für viele Menschen „normal“, war es für uns Zwillinge die größte Herausforderung überhaupt: In kleinen Schritten alleine Entscheidungen treffen, nicht immer erst die Absegnung vom Zwilling einholen, herausfinden, was jede für sich und nur für sich bevorzugt und nicht jeden Tag 5 mal miteinander telefonieren. Das waren die ersten Schritte zur eigenen Identität.


Wer bin ich und wer will ich sein?


Die Reise zu sich selbst war anfangs recht turbulent und gleichzeitig wussten wir, dass es befreiend für uns beide sein wird. Was uns dabei geholfen hat waren verschiedene Methoden, wie z.B. das Schreiben. Es half und hilft auch heute noch jeden Tag darüber zu schreiben, wie es einem selbst gerade geht und wie die Wünsche und Vorhaben aussehen. Je mehr wir schrieben, desto klarer wurde das Bild, wer jede eigentlich sein wollte. Ob die eigene Autobiografie oder die Biografie über das Zwillingsdasein: Wir tauchten in alle unsere Lebensbereiche ein und fingen an, uns zu erinnern! Beide erinnerten wir uns wieder daran, wer wir sind und wie jede sich ihre einzigartige Identität vorstellt! Das wichtigste war vor allem: Jede übernahm Verantwortung für sich selbst. Nur so konnte die einzigartige und unverwechselbare Identität erkannt werden! Und heute leben wir ganz nach dem Motto: Leben & leben lassen. Wir schätzen unsere jeweilige Einzigartigkeit und lernen dadurch heute so viel voneinander.

Wer sich diese, ähnliche und andere Fragen zu der eigenen Zwillingsidentität stellt und dabei von uns begleitet werden möchte, lernt nicht nur den Weg des Schreibens sondern noch viele weitere Methoden und Praxisübungen für sich selbst kennen. Wenn du Fragen dazu hast oder einen Impuls zu diesem Artikel, lass uns beides gerne zukommen.


Deine Twins

Jenny & Jessy

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